Die Schweizer können kein Schweizerdeutsch mehr

(This post seems to be in German. Sorry about that. It just wouldn’t make sense to write it in English, it’s a local thing.)

germ-swissian-flag1.pngEs ist frustrierend zu sehen, wie urschweizerische Firmen in ihrer Werbung das Schweizerdeutsch vergessen haben. Nestlé zum Beispiel scheint seine Werbung erst in Hochdeutsch zu schreiben und dann einzuschweizern. Wie sonst ist zu erklären, dass in der Incarom-Werbung die neue Verpackung in Züridütsch als “Dosä” statt als “Büchs” bezeichnet wird? Nicht irgendein Produkt, nein, Incarom! Der schweizerischste aller Zichorie-Maltodextrin-Instant-Kaffees verlernt sein Schweizerdeutsch.

Incarom kennt ausserhalb der Schweiz niemand, es gibt keine Deutschland-deutsche Incarom-Website bei Nestlé, das Produkt ist ein Binnenprodukt, produziert für einen Binnenmarkt von Binnenschweizern mit ihrem Binnenschweizerdeutsch. Warum nur säuselt die Dame in der Werbung dann Zürihochdütsch? Vielleicht ein deutscher Texter, sprachlich noch nicht ganz assimiliert? Oder deutsche Werbefirma für schweizerdeutsche Werbung? Man könnte heulen.

Ein ähnlich hässlicher Auswuchs der Werbeindustrie ist das kürzlich gehörte “Chüelregal”. Gibt es ein Regal? Mein Ohr verlangt nach einem Gstell. Deshalb, wenn wir hier schon zürcheren: Chüelgstell.

Ich bin kein Traditionalist, aber die Entschweizerung des schweizerdeutschen Vokabulars gefällt mir nicht. Wenn man sich heute ein altes (20er-Jahre) Khurertütsch-Wörterbuch anschaut, findet man dort fast nur Wörter, die man auch als Khurer nie gehört hat. Das mag ein Opfer der Angleichung der Dialekte sein, andererseits möchte ich auch die Verhochdeutschung der Gesellschaft schuldig erklären, und diese kulminiert darin, dass wir Incarom jetzt in einer “Dosä” kaufen können.

Schweizerdeutsch ist nicht Hochdeutsch. Schweizerdeutsch ist eine alemannische Sprache, Hochdeutsch eine westgermanische. Das Schweizerdeutsch zu germanisieren ist genauso eine blöde Idee wie das Hochdeutsch zu alemannisieren. Also hört auf damit.

Deshalb überreiche ich Nestlé SA heute die deutschenschweizerische Flagge zur Anerkennung ihrer Arbeit an der subtilen Ausrottung des alemannischen Sprachgebrauchs.

3 thoughts on “Die Schweizer können kein Schweizerdeutsch mehr

  1. Die Gedanke sy nid dernäbe we me dervo usgeit, das d’Nestle Züridütschi Wärbig macht. Für e Zürcher isch das haut immer wider schwirig z’verstoh:

    Schweizerdeutsch ≠ Züridütsch

    Wenn es alle so genau nehmen wollen, müsste man sich schon wieder an den Ausdruck “Gümel” gewöhnen oder versuchen den Bernen das Wort “Lavabo” abzugewöhnen. Das Einfachste ist, es nicht so eng zu sehen.

    Grüessli ;-)

  2. Nestlé sollte in irgendeinem Dialekt werben, aber nicht in Pseudo-Schweizerdeutsch, mit hochdeutschen helvetisierten Wörtern.

    Ich bin ja selber kein Zürcher — wenn Nestlé findet, Züritüütsch sei das beste für ihre Zielgruppe, können sie das ja machen. Und Lavabo sagt man übrigens in Khûr auch :) Ich wehre mich dagegen, dass Firmen versuchen, mit “Swissness” zu werben indem sie Dialekt verwenden, dann den Dialekt aber gar nicht beherrschen. Sind die Kunden so blöd, dass sie das nicht merken? Ist die Verdeutschung des Dialekts von den Firmen so kalkuliert? Ich weiss es nicht.

    Nicht so eng sehen bei Dialektwörtern, das finde ich auch. Aber rein hochdeutsche germanische Wörter haben in alemannischen Dialekten nichts zu suchen. Wenn ein alemannisches Wort für etwas existiert, sollte man dieses als Alemannisch-Sprecher auch benutzen.

    Also z.B. nicht “arbeite” sondern “schaffe”, zumindest in Züritüütsch und Khûrertütsch. “Gohsch go arbeite?” höre ich jeden Tag einmal in der S-Bahn, von Zürchern!

    Es ist zwar ein Streitpunkt, aber zumindest die UNESCO und SIL International haben das Alemannische als eigene Sprache anerkannt, dann sollten nicht ausgerechnet Schweizer Firmen und Zeitungen diese Eigenständigkeit wieder aufweichen.

    Und von Zwangs-Hochdeutsch im Kindergarten müssen wir gar nicht anfangen :)

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